Franziskusweg
Unterwegs mit dem Hl. Franziskus
Katholische Pfarrkirche St. Heinrich
Patrozinium: Sankt Heinrich (Festtag am 13. Juli)
Erzdiözese Luxemburg
Pfarrei St. Heinrich
Lage und Geschichte
Im „Brouch" -Viertel der Stadt Esch/ Alzette gelegen, spiegelt die St. Heinrich-
Pfarrkirche sowohl in ihrer Lage als auch in ihrer Entstehungsgeschichte das schnelle
Wachsen der Stadt seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wider. Dieses
Wachsen gründet in der Eröffnung und in dem Ausbau der Eisenhüttenwerke im
Süden des Großherzogtums Luxemburg. Sie haben auf bestimmende Weise die
Industrialisierung des Landes und die damit verbundene gesellschaftliche
Entwicklung eingeleitet. Die Ortschaft Esch, deren Bevölkerung rasch anstieg, wurde
zur Metropole eines industriell geprägten geographischen Großraums, in dem auch
Bedarf an neuen Kirchenbauten entstand.
In diesem Kontext situiert sich das Entstehen der St. HeinrichKirche. Teilweise
umgeben von Arbeiterwohnungen, die im "Gelsenkirchener Stil" errichtet wurden,
entstand von 1922 bis 1923 die heutige Pfarrkirche auf dem Gelände des
Eisenhüttenwerks der Terres-Rouges-Gesellschaft und auf deren Kosten. Die
Grundsteinlegung fand am 31. Juli 1922 statt, die Konsekration des Kirchengebäudes
am 28. Oktober 1923. Als Architekt fungierte H. Grass von der Hüttengesellschaft
Terres-Rouges. Treibende Kraft im Entstehen des Bauwerks war Henri Coqueugnot,
Generaldirektor der Hüttengesellschaft. Sein Patrozinium führt das Gotteshaus
zurück auf Henri Schneider, den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn von Eugene
Schneider (Creusot), dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Terres-Rouges-
Gesellschaft. Von Anfang an lagen Gottesdienst und Seelsorge in den Händen der
Franziskaner aus Metz. Gleichzeitig zum Entstehen der Kirche und mit dieser baulich
verbunden, errichteten sie ein Klosterge- bäude, in welches sie am 23. August 1923
einzogen. Erster Oberer (Guardian) war Pater Raphael Legnil (t1936) aus Kontz
(Moselle). Ihrer Niederlassung, die einem Wunsch von Bischof Pierre Nommesch
(1920-1935) entsprach, verdankt die Kirche bis auf den heutigen Tag die
volkstümliche Bezeichnung „Pätrekiirch".
Am 30. September 1928 wurde das Gotteshaus zum Sitz einer bischöflichen Pfarrei
erklärt, am 23. Dezember 1952 erfolgte ihre staatliche Anerkennung. P. Raphael
Leguil wurde der erste Pfarrer. Der Bautradition des Franziskanerordens
entsprechend verfügte die Kirche anfangs nur über einen schlichten Dachreiter über
der Vierung. Erst 1935/1936 wurde dem Langhaus ein eigentlicher Turm mit
Spitzhelm angefügt. Auf die damals noch junge Geschichte des Bauwerks und seine
Verbundenheit mit dem Franziskanerorden weisen die beiden Turmstatuen des hl.
Franz von Assisi (1182-1226) und des hl. Kaisers Heinrich 11. (973-1024) hin,
desgleichen auch das Franziskanerwappen im Tympanon des Hauptportals.
Bis zum 5. Dezember 1959 lagen Leitung und Seelsorge der Pfarrei in den Händen
der Franziskaner. Von jenem Datum an übernahm der Diözesanklerus die Pfarrei.
Erster Pfarrer als Diözesanpriester wurde Eugene Kellner. Am 31. Januar 1962
übernahm die Stadt Esch das Kirchengebäude und die damit verbundene Baulast.
Baugeschichte
Die Escher St. Heinrich-Kirche gehört zu den jüngsten historistisch geprägten
Kirchenbauten Luxemburgs. Bereits in der Planung ging es um das Entstehen einer
Pfarrkirche, die gleichzeitig auch als Konventskirche für die franziskanische
Niederlassung bestimmt war. Diese Zweckbestimmung erklärte im Baugefüge das
Vorhandensein eines langgezogenen, vom Langhaus durch einen Triumphbogen
abgesetzten Chorraums, der den Patres und Brüdern für die Verrichtung des
Chorgebets diente. Inspiriert durch romanische Stilelemente, entspricht das
historistische Bauwerk im Langhaus dem Typ einer Saalkirche mit leicht
hervorspringenden Querflügeln, so dass der Grundriss durch die Form des Kreuzes
gekennzeichnet ist.
6 Baugeschichte
Im Sinne der franziskanischen Frömmigkeit lag von Anfang an für die Raumgestaltung
das Schwergewicht auf einer breitgefächerten und volkstümlichen Bildwelt, in
welcher die Frömmigkeitsströmungen des späten 19. Jahrhunderts weiterleben.
Diese Bildwelt manifestierte sich einerseits in den Fenstern, die die Werkstatt der
Gebrüder Jean und Syluer« Linster aus Mondorf nach den Entwürfen des Malers
Engel aus Rustroff/Lothringen 1923 ausgeführt hatte. Die Bildthemen der figurativen
Fensterflächen bezogen sich auf den Kirchenpatron Sankt Heinrich, die
Arbeiterbevölkerung und den Franziskanerorden. Durch den Rückgriff auf die
Gestaltungsprinzipien der klassischen Bleiverglasung wurde den Bildszenen
möglichst wenig Farbe oder Schwarzlot aufgetragen, das Schwergewicht lag vielmehr
aufhellen und farbigen Glasflächen, die Bleiruten markierten die Zeichnung.
Andererseits war das Raumbild in Chor und Schiff geprägt von den Wandmalereien
des Luxemburger Künstlers Nikolaus Brücher (1874-1957) aus Elvingen, die 1926/27
angebracht wurden. Sie erzählten aus dem Leben des hl. Franziskus und seines
Ordens.
Eine Zäsur in der Geschichte des Innenraumes brachten die tiefgreifenden baulichen
Veränderungen in den Jahren 1964-1966. Nach den Plänen des Escher Architekten
Robert Van Hulle und unter Aufsicht von Willy Weigel entstand ein monumental
wirkender, hell- und weisstrahlender Raum, der den Anforderungen des neuen
Liturgieverständnisses des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprach. Die neue
Raumgestaltung war namentlich auf das Entstehen einer um den Altarbereich von
allen Richtungen her konzentrierten liturgischen Versammlung ausgerichtet.
Dieser Ausrichtung entsprechend wurde der vordere Triumphbogen abgetragen, um
den früheren Vorchor stärker in das neue Raumgefüge einzubinden. Die im Vorchor
vorhandenen Seitenarkaden wurden in vereinfachter Form neu errichtet, um dem
Monumentalcharakter des Raumbildes besser zu entsprechen. Gleichzeitig wurden
die Fenster der Chorrundung geschlossen. An die Stelle des bisherigen
Rippengewölbes. das im Langhaus auf Wandpilastern ruhte und durch Gurtbögen
eingeteilt war, trat eine zeltartig wirkende Holzdecke, die das Langhaus, den
Vierungsbereich und das ehemalige Vorchor zusammenschließt. In der Mitte des
kreuzförmigen Grundrisses entstand eine erhöhte Altarinsel als Sinnmitte des
Raumes. Nach dem Wunsch von Bischof Leo Lommel (1956-1971), der regelmäßig an
der Baustelle weilte, sollte die St. HeinrichKirche das erste Luxemburger Gotteshaus
werden, in welchem der Altar in der Mitte der liturgischen Gemeinschaft errichtet
ist. Diesem Anliegen entspricht auch das leichte Gefälle des Raumes von der
Eingangszone zum Altarbezirk hin. In der Eingangszone wurde die Sängerempore
entfernt, um die Weiträumigkeit nicht zu beeinträchtigen.
Durch die baulichen Veränderungen innerhalb der überkommenen Architektur
konnte ein vereinfachtes, aber nun monumental wirkendes Raumbild gewonnen
werden, das eindeutig durch die hellen und vereinheitlichten Wandflächen, die sich
von der Holzdecke und dem dunkel gestalteten Bodenbelag absetzen, bestimmt
wird. In der Raumkonzeption kommt den neu geschaffenen Fenstern ein wichtiger
Stellenwert zu. Mit ihrer nicht-figurativen Gestaltung wurde der bekannte Trierer
Künstler Reinhard Hess beauftragt, ihre Ausführung erfolgte in der Trierer Werkstatt
Kaschenbach. Die Obergadenöffnungen sind durch hellgraue Bleiverglasung
gezeichnet, während die unteren seitlichen Langhausfenster und die monumentalen
Vierungsfenster in Betonglasstein frei konzipiert sind. Durch ihre kräftige Struktur
und ihr reich entwickeltes Farbenspiel setzen diese Fenster sich von den hellen
Wandflächen ab, ohne jedoch den Bezug zur Raumarchitektur zu verlieren oder sich
zu verselbständigen. Die Fensterrosen in der Vierung, in Bleiverglasung ausgeführt,
deuten auf der rechten Seite das Wasser an und weisen somit auf das Taufgeschehen
hin, auf der linken Seite ist das Feuermotiv als Zeichen der Geistsendung dargestellt.
Am 18. Mai 1969 nahm Bischof Leo Lommel die Konsekration des neuen Altars vor.
Ausstattung
Nach den tiefgreifenden Raumveränderungen, die im Frühjahr 1966 abgeschlossen
wurden, kam es in den folgenden Jahrzehnten dank den Impulsen von Pfarrer
Eugene Kellner zu einer integral neuen künstlerisch-liturgischen Ausstattung. Nur
vereinzelte Objekte sowie die von der Firma B. Pels aus Alkmaar/ Niederlande 1947
errichtete Orgel sind über worden. Die neue Ausstattung, die ab 1968 zustande ka in
ihren Kult- und Andachtsgegenständen mehrheitlich die Signatur von Elmar
Hillebrand r 1925) aus Köln. Von 1946 bis 1950 war Elmar Hillebrand mit Joseph
Beuys und Georg Meistermann Schüler bei Josef Enseling und Ewald Matare an der
Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, 1951 bis 1952 führte er sein Studium bei
Ossip Zadkine an der Akademie de la Grande Chanmiere in Paris weiter, 1964
erfolgte seine Ernennung zum Professor für Bildhauerei an der
Rheinischwestfälischen Hochschule Aachen. Vor dem Entstehen seiner ersten
Bildhauerarbeiten für die St. Heinrich-Kirche in Esch ist er seit längerem mit
wichtigen Aufträgen betraut worden, so z.B. für die Kirche des Campo Santo
Teutonico in Rom (1957), den Kölner Dom (1960) und die von Gottfried Böhm
entworfene Wallfahrtskirche von Neviges (1966). Viele seiner bildhauerischen
Raumaustattungen sowohl in Deutschland als auch im Ausland beruhen auf einer
engen Zusammenarbeit mit Theo Heiermann, Klaus Balke, Jochen Pechau und Paul
Nagel. So schuf aufgrund eines Wettbewerbs 1973 die Kölner Künstlergruppe, des
öfteren als "Köln er Schule" bezeichnet, die architektonisch-bildhauerische
Gestaltung des Altar- und Chorbezirks des restaurierten Trierer Domes. Dieselbe
Zusammenarbeit der Künstlergemeinschaft kam auch zum Tragen in der
Restaurierung des Domes von Eichstätt.
Der erste Auftrag an Professor Elmar Hillebrand in Esch galt der Gestaltung der
neuen Altarinsel. Auf sinnvolle Weise bilden die Altarinsel selbst sowie Altar und
Ambo eine künstlerische Einheit aufgrund des Materials. Es handelt sich Stein aus
Anröchte bei Lippstadt in Westfalen. Seine schwarze Farbigkeit, durch einen Grünton
belebt, bewusst den Altarbereich von den hellen Wandflächen ab. Altarblock ist auf
sämtlichen Seiten überzogen von einer r entfalteten und filigranähnlichen
Reliefornamentik, die nach den Vorlagen von Elmar Hillebrand in der Werkstatt
Steinbearbeitung Enqelbert Müller in Villmar an der Lahn standen ist. Erst 1994 hat
Hillebrand die Altarinselfit durch ein farbenreiches Intarsienband näher differenziert
aufgelockert. Der Entwurf wurde von Johannes Hillebrand. seinem Sohn, und Theo
Heiermann ausgeführt. 1996 seht ebenfalls mit seinem Sohn Johannes die vier
bronzenen, Pflanzenmotiven belebten Altarleuchter. Sie symbolisieren vier
Evangelisten. An ihrem oberen Schaft sind jeweils Namen eingetragen.
Seit 1968 wird der Altarblock optisch hervorgehoben dt das monumentale, aus
Bronze gegossene Hängekreuz Elmar Hillebrand. Ähnlich wie im Dom von Speyer
erinnert in seiner näheren Gestaltung an einen Turm in Kreuzesform der - wie ein
reiches Architekturgebilde - von innen in se Hohlräumen begehbar erscheint. So war
es möglich, in seinen Balkenöffnungen neutestamentliche Geschehen anhand von
zahlreichen und lebhaft gestalteten Statuetten unterzubringen. Es handelt sich im
Einzelnen um die Geburt Jesu, das Abendmahl, die Geißelung, Kreuzesbetrachter, die
Kreuzigung, die Kreuzabnahme, die Engel und Frauen am Grab sowie um die
Himmelfahrt. Somit sind all diese Ereignisse aus dem Leben Jesu letztlich auf das
Kreuz ausgerichtet und finden in dem Kreuz ihre Sinngebung.
Der Ambo (1982) zeigt in leichtem Relief das Blattzweigmotiv. Das Pult selbst über
der Stele, in Bronzeguss ausgeführt, inspiriert sich in seiner näheren Gestaltung am
Motiv des geöffneten Buches, in welchem sich das Wort der göttlichen Offenbarung
mitteilt.
Gleichzeitig zur künstlerisch-liturgischen Ausstattung der Altarinsel errichtete der
Kölner Bildhauer Karl Burgeff (* 1928) Schüler von Ludwig Gies, am Übergang vom
Langhaus zum früheren Chorbereich die monumentale steinerne Sakramentssäule,
die sich an die Wand anlehnt. Seitlich ist die Säule von einem kraftvollen und stark
bewegten Relief belebt, das in den gemeißelten Ähren, Reben und Fischen
unmittelbar auf die Eucharistie hinweist. Die Tabernakeltüre selbst, als Bronzerelief
konzipiert, weist sinnvoll auf die Fußwaschung im Abendmahlsaal hin. Sie ist ein
Werk von Ludwig Gies.
Erst nach längerem Zeitabstand ist in einer zweiten Phase zu Beginn der 80er Jahre
die künstlerische Raumausstattung weitergeführt worden. Zu nennen sind an erster
Stelle die von Elmar Hillebrand in Stein gemeißelten Wandtafeln in den beiden leicht
hervorspringenden Querhausflügeln. Ihr Aufbau ist bestimmt von einer
triptychonähnlichen dreiteiligen Komposition, die an spätmittelalterliche
Altaraufbauten erinnert. Im rechten Querhausflügel erzählt in ansprechender und
volkstümlicher Formensprache die „Franziskustafel'', die in Savonieres-Stein gehauen
und von einem bemalten Rahmen umgeben ist, in mehreren Nischen die wichtigsten
Ereignisse aus dem Leben des hl. Franz von Assisi. Sie sind jeweils in Aufbau und
Einzelheiten inspiriert an den Freskomalereien Giottos in der Oberkirche von Assisi.
Das obere abschließende Segmentrelief hat als Bildthema die Stigmatisierung des
Heiligen auf dem Berg Alverno im Jahre 1224. Die untere Szene illustriert seine
Sterbestunde, den sog. „Transitus" (Übergang) des Poverello, 1226 in Portiuncula. Die
beiden Seitentafeln, als Malereikompositionen konzipiert, gehen auf Klemens
Hillebrand zurück. Im Sinne der franziskanischen Spiritualität haben sie als Bildthema
die vier Jahreszeiten vor dem Hintergrund der Landschaft Umbriens, in der
Franziskus beheimatet war. Angedeutet ist deshalb auch seine Gestalt innerhalb der
Komposition. Unter der „Franziskustafel" erinnert eine bronzene Schrifttafel an das
Wirken der Franziskaner von 1923 bis 1959 in der Pfarrei.
Im linken Querhausflügel hat Elmar Hillebrand auf der "Auferstehungstafel" die
Ereignisse aus der Leidensgeschichte des Herrn sowie Ostergeschichten in Euville-
Stein festgehalten. Beherrscht wird die Tafel von der Darstellung des
Auferstandenen. Die verschiedenen Leidensszenen sollen die Funktion von
Kreuzwegstationen übernehmen. Auch für dieses Werk hat Klemens Hillebrand die
Seitentafeln geschaffen. Sie deuten den Landschaftshintergrund an, vor welchem
Leidensszenen und Ostergeschichten sich abspielen.
Die linke Seitenkapelle des Langhauses dient der Aufnahme der von Elmar Hillebrand
in Bronze gearbeiteten Pieta ("Vesperbild") (1987). Ihr Rundsockel aus italienischem
Santa-Fiora-Stein weist hin auf die Opfer des Zweiten Weltkriegs aus der Pfarrei. Für
die nähere Gestaltung des ausdrucksvollen Bildwerks hat sich der Künstler durch die
Pieta eines süddeutschen Wallfahrtsortes anregen lassen. In der Rückenaushöhlung
der Figur sind Kreuzigung und Grablegung Jesu dargestellt.
Der Pieta gegenüber ist seit dem Jahre 2001 in der rechten Seitenkapelle die
Monumentalstatue des Guten Hirten aufgestellt. In Zusammenarbeit mit seinem
Sohn Johannes hat Elmar Hillebrand Christus, den Guten Hirten, auf eine durchaus
unkonventionelle Weise dargestellt. Das in Santa-Fiora-Stein gehauene vollplastische
Standbild entspricht nämlich nicht dem Bildtyp der altchristlichen Kunst noch
demjenigen des Barock oder des 19. Jahrhunderts. Die kräftige und sich bewegende
Gestalt des Hirten erinnert eher an Skulpturen von Michelangelo. Der Hirt ist
kahlköpfig, expressionistische Gesichtszüge und die starke Hand bestimmen seine
Gestalt, die auf die Schriftstelle von Jesaja 40,11 hinweist: "Wie ein Hirt führt er
seine Herde, er sammelt sie mit starker Hand". Demgegenüber sind die Schafe zu
Füßen des Herrn in einer eher naturalistischen Formensprache gemeißelt, sie
wenden sich vertrauensvoll zu ihm, es geht um eine gegenseitige Hinwendung.
Gegenüber der Tabernakelsäule. am Übergang vom Langhaus zum ehemaligen
Chorbereich, ist an der Wand eine frühbarocke, farbig gefasste Marienfigur
angebracht. Sie wird durch einen reich dekorierten, illusionistisch konzipierten
Rahmen hervorgehoben. Den steinernen Sockel schuf Elmar Hillebrand. Die Statue
ist über den Kunsthandel in die Pfarrkirche gekommen.
Hinter dem Altarbereich, in der früheren Chorrundung. ist 1989 ein monumentales
Taufbecken von Elmar Hillebrand aufgestellt worden. Das eigentliche Becken, von
Säulen getragen, ist in Santa-Fiora-Stein gemeißelt. Es wird überragt von einer
Barockkuppel. die auf sechs, mit Rankenwerk ornamentierten Säulen ruht. Die
überreiche Symbolik am Becken, seinem Sockel sowie auf der Kuppel beleuchtet mit
aus der Heilsgeschichte stammenden Ereignissen das Taufgeschehen. In der
Sockelzone des Beckens wird die Bedeutung des Wassermotivs durch vier Szenen
konkretisiert: durch den Gekreuzigten und seine geöffnete Seite, den Durchzug durch
das Rote Meer, durch Mose, der in der Wüste Wasser aus dem Fels schlägt, sowie die
Taufe Jesu im Jordan. Die großen Stehfiguren auf der Kuppel weisen hin auf Johannes
den Täufer und Maria als Urbild der Kirche, die aus der Taufe geboren wird. Auf dem
unteren Rand der Kuppel sitzen in voll plastischer Gestaltung die vier Evangelisten als
Zeugen der Auferstehung Christi, in welcher die Taufe gründet, während die
Kuppelschale in leichtem Relief die zwölf Apostelköpfe zeigt. Die Kuppel wird bekrönt
durch die Darstellung des Himmlischen Jerusalem, in dessen Mitte das Lamm als
Zeichen des siegreichen Christus erscheint. Im Innern der Kuppel schwebt die in
Alabaster gestaltete Hl. Geist-Taube, ein Werk von Clara Hillebrand. Ein lebhaft
wirkendes Marmorintarsienband mit dem Fischmuster, das von Johannes Hillebrand
ausgeführt wurde, umrundet das Taufbecken.
Der Architekturhintergrund der Taufstätte, welcher der Chorrundung entspricht,
wurde 1995 von Klemens Hillenbrand malerisch gestaltet. Durch das Motiv des
Vorhangs in den illusionistisch gestalteten Wandnischen sowie durch den
Sternenhimmel wird der Blick auf das Himmlische Jerusalem als Ziel der in der Taufe
beginnenden irdischen Pilgerschaft des christlichen Lebens gerichtet.
Das Taufbecken ist einerseits vom bronzenen Osterleuchter flankiert, einem Werk
von Johannes Hillebrand, andererseits von der Adam-Eva-Gruppe aus Bronze, die
sich auf einer schlanken Säule befindet, einem Werk, das bereits 1964 entstanden ist
und mit welchem sich Elmar Hillebrand eng verbunden fühlt.
Seit 1994 betritt man die Kirche an der Turmseite durch ein von Elmar Hillebrand
kunstvoll gestaltetes Bronzeportal. Das figurenreiche Werk zeigt in den einzelnen
Bronzereliefs, die auf den Holzkern aufgelegt sind und mit einer Patina vom
Bildhauer an Ort und Stelle
der Geschichte des Bundes zwischen Gott und den Menschen Sowohl im Hauptfeld
als auch in den Nebenfeldern sind Szenen in eine perspektivische Vertiefung
hineingestellt. linken Nebenfeld ist das Kreuzigungsgeschehen dargestellt darunter
die Eucharistie als Opfermahl. Das Hauptfeld belebt von der Darstellung des Einzugs
Jesu in Jerusalem sowie seiner Auslieferung an Pilatus. Bezeichnenderweise si diese
beiden Reliefs hineingestellt in einen kuppelartig Raum, auf dessen Hintergrund die
Eisenhüttenwerke der Stadt Esch und die St. Heinrich-Kirche, umgeben von
Arbeiterwohnungen, angedeutet sind. Das rechte Nebenfeld illustriert den
Gnadenstuhl als Symbol der göttlichen Dreifaltigkeit sowie die Verkündigung des
Herrn an Maria in Nazareth, darunter befinden sich die eucharistischen Gaben von
Ähren und Trauben. Der obere Abschluss mit den seitlichen Reliefs des heiligen
Heinrichs und der heiligen Kunigunde weist hin auf das Himmlische Jerusalem mit
seinen Türmen, während unter den neutestamentlichen Szenen Männer- und
Frauengestalten aus der Geschichte des Ersten Bundes zwischen Gott und den
Menschen auftreten, so links Johannes der Täufer, Rut, Mose, Ester und Elija, rechts
Jona, Judit, Hiskija, Debora und David. Die Figurenwelt des Portals ist umrandet von
reicher Rankenornamentik, im unteren Teil ist das ebenfalls reich gestaltete
Vorhangmotiv angebracht. Es erinnert an den Tempel, worauf auch die lateinische
Inschrift Terribilis est laeus iste. Hie est domus Dei et porta coeli hinweist.
Das neue holzgeschnitzte Seitenportal rechts vom Chorbereich stammt ebenfalls von
Elmar Hillebrand. Das Lebensbaummotiv überzieht die einzelnen Felder, der Türrand
ist mit den zwölf Monatszeichen besetzt. Das Portal führt in den neuen
Nebenchorraum, der für die Aufnahme der Beichtstühle bestimmt wurde. Ihm
gegenüber liegt die Werktagskapelle mit dem von Elmar Hillebrand in Santa-Fiora-
Stein gestalteten Zelebrationsaltar. Auf der Vorderseite ist das biblische Motiv des
Guten Hirten angebracht. Vor dem Altar befindet sich ein Intarsienbelag, den
Johannes Hillebrand schuf. An der Seitenwand sind mehrere Heiligenstatuen aus der
Zeit der Franziskanerniederlassung aufgestellt; ihre neue farbige Fassung geht auf die
Gemahlin von Theo Heiermann zurück.
Die frühere Taufkapelle seitlich des Haupteingangs erinnert in ihrer Ausstattung an
die Franziskaner und das ursprüngliche Kirchenmobiliar. Neben der Statue des hl.
Franziskus und des hl. Antonius von Padua (1195-123 J) erkennt man in den
Holzreliefs des ehemaligen Hochaltaraufbaus die Heiligen Clara und Coleta sowie
Paschalis und Nikolaus von Tolentino aus dem Franziskanerorden. Auf drei in Bronze
gegossenen Erinnerungstafeln sind die Namen sämtlicher, in der Pfarrei I tätig
gewesenen Franziskaner aufgezählt.
Würdigung
Dank den seit 1964 erfolgten tiefgreifenden Bauveränderungen und der damit
verbundenen neuen künstlerischen Raumausstattung ist die St. Heinrich-Pfarrkirche
einem markanten kirchlichen Bauwerk in Luxemburg gew: den. Es blieb nicht bei
einem puristisch geprägten Raumbild Dem neuen Raumbild entspricht vielmehr eine
von Elmar Hillebrand konzipierte und geschaffene figurenreiche Ausstattung, die als
wohl einmalig für Luxemburg gewertet werden darf. Bei aller bildhauerischen
Monumentalität haftet den einzelnen Werken ein sinnen freudiger Ausdruck und
eine bestimmte Volkstümlichkeit an. Somit lebt in den von Elmar Hillebrand für die
St. Heinrich-Kirche geschaffenen Werk, wenn auch in verschiedenartiger Konzeption
und Form, die Bildfreudigkeit der franziskanischen Spiritualität die von Anfang an mit
dem Bauwerk verbunden war, weiter.
Michel Schmitt
Literatur: J. Flies, Das Andere Esch. Ein Gang durch seine Geschichte, Luxemburg 1~
S. 613-633 u. 1037. - Ausstellungskatalog .Kirchenräume nach dem Konzil", Deuts
Gesellschaft für christliche Kunst «v, München 1969.
Esch sur Alzette